Geschichte 12

Sterbenskrank lag ein reicher Mann auf seidenen Kissen gebettet. Er ließ die besten Ärzte des Landes in seinen Palast rufen. Nach eingehender Diagnose kamen sie zu dem Schluss, nur eine einzige Therapie könne Heilung bringen: das Hemd eines glücklichen Menschen, zusammengefaltet unter dem Kopf des Kranken. Boten schwärmten aus und suchten in jeder Stadt, in jedem Dorf und in jeder Hütte nach einem glücklichen Menschen. Vergebens. Jeder, der ihnen begegnete, hatte nur Kummer und Sorgen. Als es fast keine Hoffnung mehr für den Todgeweihten gab, wurde einer der Boten doch noch fündig: Er traf in den Bergen einen Hirten, der fröhlich singend seine Herde hütete. Die Frage, ob er glücklich sei, erwiderte er lachend: "Ich kann mir niemanden vorstellen, der glücklicher ist als ich". Darauf schilderte der Bote sein Anliegen und fragte ihn: "Gibst du dein Hemd her?" Die Antwort des Hirten: "Ich habe keins."




Geschichte 11

Da stand ein Baum am Rande und dachte laut:
"Früher war es anders. Früher war hier kein Rand. Früher waren Menschen da, die sich freuten ob mir. Heute stehe ich am Rand und niemand beachtet mich."
Da kam ein kleiner Vogel - ich glaube es war ein Rotbrüstlein. Es setzte sich auf einen Ast des Baumes und sagte:
"Nein, wie wunderschön du bist! Ein solch starker Baum hab ich noch nie gesehen! Deine Äste sind alle gleichermassen stark und dein Stamm ist so kräftig, dich könnte der stärkste Sturm nicht umstossen. Ich möchte gerne mein Nest hier bauen und meine Jungen im Schutze deiner Äste wissen. Was sagst du dazu?"
Der Baum war ganz gerührt und sein Herz weinte vor Freude.
"Das ist so wunderschön, natürlich darfst du das! Welche Freude, du mir damit bereitest, kannst du dir nicht vorstellen! Aber sag: Wie heisst du eigentlich?"
"Ich habe keinen Namen, aber hast du mich vorhin nicht "Niemand" genannt?"

Gedacht und geschrieben in der Zaubernacht vom Samstag 3. 12. auf den Sonntag 4.12 by

Zaubernita



Geschichte 10

Eines nachts - kein Lüftchen störte die Stille - entschloss sich das Glühwürmchen ins Weltall zu fliegen. Es dachte, wenn ihm Gott schon Flügel gegeben habe, dann doch bestimmt, um ihn zu suchen. Auf der Erde war es schon überall gewesen. Da war Gott nicht. So machte es sich auf und begann diese lange Reise. Einige Mal schaute es noch zurück und beobachtete wie die Erde sich immer wie mehr entfernte, doch sein Ziel lag fern der Erde und so blickte es nach vorne in die unendliche Weite. Es dachte nicht daran, dass es Gott vielleicht nicht finden würde und es hier draussen erfrieren, verhungern oder verdursten müsste. Denn Gott hatte ihm ja Flügel gegeben und dies doch bestimmt nicht nur um ihn zu suchen, sondern auch um ihn zu finden, so dachte es. Die Dunkelheit war tatsächlich dunkel. Die Einsamkeit einsam und die Stille still. Es dachte an seine Flügel und ihre Aufgabe es zu Gott zu bringen und der Zweifel hatte keine Chance an diesem kleinen Fünkchen da draussen in dieser unendlichen Weite. Da, endlich, nach vielen, vielen dunkelkalten Flügelschlägen vernahm es eine tröstende Stimme: "Du suchst mich. Schau dich um, ich bin das Licht".
Und es sah sich um und das einzige Licht, das es sah, war sein eigenes Glühwürmchenleuchten. Es hörte zu fliegen auf und musste lächeln. Es erkannte, dass Gott, das Licht, immer schon in ihm gewesen war. Schon als es auf der Erde nach ihm gesucht hatte. Nur hatte es ihn nicht zu erkennen vermögen. Es schloss die Augen und die Dunkelheit verwandelte sich in gleissendes Licht. So wurde es sich selbst und Gott zugleich.

Nita im September 2005



Geschichte 9

Auf die Perspektive kommt es an

Stell dir vor, du befindest dich in der Transitlounge am Frankfurter
Flughafen. Dir fällt ein Kiosk auf, wo leckere Kekse in Packungen
verkauft werden. Du kaufst dir eine Packung, legst sie in deine
Reisetasche und suchst in aller Ruhe nach einem freien Wartesessel, um
deine Kekse zu genießen.

Schließlich machst du es dir auf einem freien Platz neben einem Herrn
bequem. Du greifst nach unten und holst aus deiner Reisetasche, die du
neben dich gestellt hast, deine Kekspackung heraus. Dabei fällt dir auf, wie dich der
Herr plötzlich aufmerksam beobachtet. Die ganze Zeit,
die du brauchst, die Packung zu öffnen und den ersten Keks heraus zu
befördern starrt er dich an. In dem Augenblick, in dem der erste Keks
in deinem Mund verschwindet, beugt er sich herüber, nimmt einen Keks
aus der Packung und isst ihn!

Du bist mehr als nur ein bischen überrascht davon. Tatsächlich fehlen
dir die Worte. Nicht nur, dass er den einen Keks entwendete, sondern er
fährt fort, sich mit dir abzuwechseln. Für jeden Keks, den du nimmst,
nimmt er auch einen.

Nun, was ist wohl dein spontaner Eindruck von diesem Kerl?
Verrückt? Gierig? Hat er sie noch alle?
Wie würdest du wohl diesen Menschen deinen Arbeitskollegen beschreiben?

In der Zwischenzeit fahrt ihr beide abwechselnd fort, die Kekse zu
essen, bis nur noch einer übrig ist. Zu deiner Überraschung nimmt sich
der Mann den letzten. Aber dann passiert etwas Unerwartetes. Er bricht
ihn entzwei und gibt dir die Hälfte.

Nachdem er seine Hälfte gegessen hat, steht er wortlos auf und
verschwindet. Du fragst dich: “Ist das wirklich passiert?³ Du sitzt
konsterniert da und bist immer noch hungrig. Also stehst du auf, gehst
zum Kiosk und kaufst eine zweite Packung. Zurück an deinem Platz machst
du dich daran, die zweite Packung zu öffnen, wobei dein Blick in deine
Reisetasche fällt. Da fällt dir auf, dass sich darin noch immer die
erste Kekspackung ungeöffnet befindet. Erst jetzt wird dir klar, dass
du, als du vorhind in deine Tasche gegriffen hast, tatsächlich aus
versehen die Kekse aus der Tasche des Fremden genommen hattest.

Wie denkst du jetzt über diesen Mann?
Großzügig? Tolerant?




Geschichte 8

Ein armer alter Bauer bessas nur ein einziges Pferd, und dieses lief ihm eines Tages davon. Seine Nachbarn drückten ihr Bedauern über sein Unglück aus, aber der alte Mann sagte:"Ist es ein Unglück? Man weiss es nicht." Einige Zeit später kam das Pferd zurück, aber nicht allein; eine Schar wilder Pferde hatte sich ihm angeschlossen. Die Nachbarn beglückwünschten ihm zu seinem unerwarteten Glück, doch dieser sagte:"Ist es ein Glück? Man weiss es nicht." Der Sohn des alten Mannes suchte sich das schönste der wilden Pferde heraus und begann es zuzureiten. Das Pferd warf ihn ab, und der Sohn brach sich ein Bein. Natürlich kamen die Nachbarn gelaufen und waren entsetzt über das Unglück, fehlte ihm doch jetzt die helfende Hand seines Sohnes. Doch der Alte sagte nur:"Ist es ein Unglück? Man weiss es nicht." Nicht lange danach brach ein Krieg aus, und alle jungen Männer wurden zum Wehrdienst eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes durfte Zuhause bleiben, denn mit seinem lahmen Bein taugte er nicht zum Krieg.



Der freundliche Affe

Laß Dir von mir aus dem Wasser helfen,
oder Du wirst noch ertrinken,

sagt der freundliche Affe...

und setzt den Fisch fürsorglich
und liebevoll auf den nächsten Baum.



Geschichte 7

Ein junger Mann betrat im Traum einen Laden. Hinter der Theke stand ein Engel. Hastig fragte er diesen: "Was verkaufen sie, mein Herr?" Der Engel antwortete: "Alles was sie wollen." Der junge Mann begann aufzuzählen: "Dann hätte ich gerne das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen in unserer Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe in der Kirche.....und ....." Da fiel ihm der Engel ins Wort:" Entschuldigen sie, junger Mann, sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur den Samen!"




Geschichte 6


Ein Junge reiste einst quer durch ganz China, um eine Taichi-Schule eines berühmten Meisters zu besuchen. Als er zum Meister kam, erhielt er bei ihm eine Audienz. "Was wünschst du?", fragte der Meister den Jungen. "Ich möchte Ihr Schüler und der beste im ganzen Land werden", antwortete der Junge. "Wie lange muss ich trainieren?" "Mindestens 10 Jahre", entgegnete ihm der Meister. "Zehn Jahre sind eine lange Zeit", sagte der Junge. "Was ist, wenn ich doppelt so hart trainiere wie alle anderen Schüler?" "20 Jahre", antwortete daraufhin der Meister. "Und wenn ich Tag und Nacht mit all meiner Kraft übe?" "30 Jahre", war die Antwort des Meisters. "Wie kommt es, dass es um so länger dauert, je mehr ich mich anstrenge?", fragte der Junge. "Wenn ein Auge auf das Ziel gerichtet ist, dann bleibt nur das andere Auge übrig, um den Weg dorthin zu finden."



Geschichte 5


Ein Indianer, der in einem Reservat weit von der nächsten Stadt entfernt wohnte, besuchte das erste mal seinen weissen Bruder in der grossen Metropole. Er war sehr verwirrt vom vielen Lärm, von der Hektik und vom Gestank in den Strassenschluchten. Als sie nun durch die Einkaufsstrasse mit den grossen Schaufenstern spazierten, blieb der Indianer plötzlich stehen und horchte auf. "Was hast du", fragte ihn sein Freund. "Ich höre irgendwo eine Grille zirpen", antwortete der Indianer. "Das ist unmöglich", lachte der Weisse. "Erstens gibt es hier in der Stadt keine Grillen und zweitens würde ihr Geräusch in diesem Lärm untergehen." Der Indianer liess sich jedoch nicht beirren und folgte dem Zirpen. Sie kamen zu einem älteren Haus dessen Wand ganz mit Efeu überwachsen war. Der Indianer teilte die Blätter und tatsächlich: Da sass eine grosse Grille. "Ihr Indianer habt eben einfach ein viel besseres Gehör", sagte der Weisse im weitergehen. "Unsinn", erwiderte sein Freund vom Land. "Ich werde Dir das Gegenteil beweisen". Er nahm eine kleine Münze aus seiner Tasche und warf sie auf den Boden. Ein leises "Pling" liess sich vernehmen. Selbst einige Passanten, die mehr als zehn Meter entfernt standen, drehten sich augenblicklich um und schauten in die Richtung, aus der sie das Geräusch gehört hatten. "Siehst Du mein Freund, es liegt nicht am Gehör. Was wir wahrnehmen können oder nicht liegt ausschliesslich an der Richtung unserer Aufmerksamkeit. Was Du hörst, sagt mehr darüber aus wie Du denkst, als was Dich umgibt."


Autorin: Unbekannt.

Vielen Dank an Reto für diese Sommernachtsgeschichte.




Geschichte 4


Flöhe sind winzige Tierchen. Sie können aber vergleichsweise grosse Sprünge machen. Bringt man einen Floh in ein Glas, schwups ist er draussen. Ein Sprung, und weg ist er. Also, noch einmal. Der Floh kommt in ein Glas. Aufs Glas wird ein Deckel gelegt. Natürlich wird nun der Floh versuchen, sich mit einem Sprung ins Freie zu retten. Und er wird mit dem Kopf gegen den Deckel knallen. Booiinng! Noch einmal: Booiinng! Und noch einmal: Booiinng! Der Floh erkennt: Grosse Sprünge verursachen Kopfschmerzen.

Jetzt kann der Deckel entfernt werden. Der Floh wird schön im Glas bleiben und seine Sprünge beschränken. Ein Gefangener seiner selbst.


Geschichte 3

In einem Sufi Märchen geht es um einen Mann, der Angst vor Schlangen hatte. Eines Tages auf einer Bergwanderung sagte jemand beiläufig zu ihm: „Pass auf die giftigen Schlangen überall auf!" Das hat dem Mann komplett den Tag verdorben. Jedes Mal, wenn er einen Schatten erhaschte, spannte sich sein Körper an. Ständig wandte er den Kopf um und hielt nach Schlangen Ausschau. Schließlich kam er nachts zurück in sein dunkles Zimmer und suchte nach dem Lichtschalter, da sah er auf dem Boden eine zusammengerollte Schlange liegen, bereit zum Angriff. Seine Angst überwältigte ihn so sehr, dass er einen Herzinfarkt erlitt und tot umfiel.

Am nächsten Morgen fand ihn das Dienstmädchen tot neben einem zusammengerollten Seil auf dem Boden liegen.

Was hat diesen Mann nun umgebracht? Sicherlich war es keine Schlange, denn eine Schlange war gar nicht da. Was ihn getötet hat war ein falscher Eindruck, der ihm wirklich erschien: ANGST. Unsere Ängste sind immer dazu bereit, aus Seilen Schlangen zu machen.




Geschichte 2

Er ist der schnellste Jäger im Korallenriff, bewaffnet mit tödlichen Zähnen: der Barracuda. Bei seinen Angriffen beschleunigt er schneller als ein Formel-1-Boldie. Wenn also ein solcher Kerl zusammen mit einer Seebarbe im selben Aquarium herumschwimmt, wird das Badevergnügen der Seebarbe von beschränkter Dauer sein. Normalerweise. Denn Barracudas fresen Barben fürs Leben gern. Das Woods Hole Oceanografic Institute hat ein spezielles Aquarium herstellen lassen, eine Art Fischdoppelhaus mit einer dazwischenliegenden Glasscheibe. Auf der einen Seite drehte ein Barracuda gelangweilt seine Runden. Auf der anderen Seite wurde eine Seebarbe ausgesetzt. Nun war aber etwas los! Der Barracuda ging im Tempo eines geölten Blitzes auf die Barbe los. Und prompt knallte er - booiinng! - mit der Nase gegen die Glaswand. Noch einmal. Mit Anlauf. Booiinnng! Wieder nichts. Und noch einmal. Und noch einmal. Mit der Zeit erkannte der Barracuda: Wer auf Seebarben losgeht, kriegt eine blutige Nase.

Die Geschichte ist aber damit nicht zu Ende. Denn nun wird die Glaswand herausgenommen. Und was passiert? Der Barracuda wagt sich nicht an die Seebarbe heran. Er stirbt einen qualvollen Hungertod, auch wenn sein Futter direkt vor der Nase herumschwimmt.



Geschichte 1

Einem Dompteur gelingt es, einen Elefanten mit einem ganz einfachen Trick zu beherrschen: Er bindet das Elefantenkind mit einem Fuss an einen grossen Baumstamm. So sehr es sich auch wehrt, es kann sich nicht befreien. Ganz allmählich gewöhnt es sich daran, dass der Baumstamm stärker ist, als es selbst. Wenn der Elefant erwachsen ist und ungeheure Kräfte besitzt, braucht man nur eine Schnur an seinem Bein zu befestigen und ihn an einen Zweig anzubinden, und er wird nicht versuchen, sich zu befreien. Denn er erinnert sich daran, dass er diesen Versuch unzählige Male vergebens unternommen hat. Wie beim Elefanten stecken auch unsere Füsse in dünnen Schlingen. Doch weil wir von Kindsbeinen an die Macht jenes Baumstammes gewohnt sind, wagen wir nicht, uns zu wehren. Und vergessen darüber, dass es nur einer einzigen mutigen Tat bedarf, um unsere Freiheit zu erlangen.

Aus: Paulo Coelho: Der Wanderer