Gedichte sind doch die Krönung der Sprache. Worte zusammengefügt, so dass Zauber entsteht. Ebenso wie Töne zu Himmelsmusik zusammengefügt werden können.
Hier Nitas Lieblingsgedichte für euch.
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Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit und auch jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andere, neue Bindungen zu geben und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf um Stufe heben, weiten. Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse





Wär nicht das Auge sonnenhaft, Die Sonne könnt es nie erblicken; Läg nicht in
uns des Gottes eigne Kraft, Wie könnt uns Göttliches entzücken?
Johann Wolfgang von Goethe







Gott
auf den Wegen
hin zu Dir
kommst Du mir
entgegen
führst mich
zu Quellen
zu Ruheplätzen

Erst wenn die Wüste
hinter mir liegt
erkenne ich
Du warst immer
bei mir
und ich
habe Dich
nicht erkannt

Margot Bickel




Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur,
In Rudeln auch und aufgereiht
Wie Perlen an der Schnur.

Und funkeln alle weit und breit
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die grosse Herrlichkeit
Und kann nicht satt mich sehn...

Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
"Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust."

Ich werf mich auf mein Lager hin
Und liege lange wach
Und suche es in meinem Sinn
Und sehne mich darnach.

Matthias Claudius


GINKGO BILOBA

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt.

Solche Fragen zu erwiedern
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Spürst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin.


Johann Wolfgang von Goethe



Wage deinen Kopf
an den Gedanken,
den noch niemand dachte,

wage deinen Schritt auf den Weg,
den noch niemand ging,

auf dass der Mensch sich selber schaffe
und nicht gemacht werde
von irgendwem oder irgendetwas.


Friedrich von Schiller





Es ist leichter zu denken als zu fühlen-
leichter, Fehler zu machen, als das Richtige zu tun.
Es ist leichter zu kritisieren, als zu verstehen-
leichter, Angst zu haben, als Mut.
Es ist leichter zu schlafen als zu leben-
leicher zu feilschen, als einfach zu geben.
Es ist leichter zu bleiben, was man geworden ist,
als zu werden, was man im Grunde ist.
Hans Kruppa


Er ist nur halb zu sehen
Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.

Mathias Claudius


Manche Nacht
Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funklen,
und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nciht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.

Richard Dehmel (1863-1920)


Wer wie die Biene wäre,
die die Sonne
auch durch den Wolkenhimmel fühlt,
die den Weg zur Blüte findet
und nie die Richtung verliert,
dem lägen die Felder in ewigem Glanz,
wie kurz er auch lebte,
er würde selten
weinen
Hilde Domin

Ich erwache und horche: ein Meer Tautropfen fällt.
Ich öffne die Tür und gehe zum herbstlichen Garten.
Kaltes Mondlicht steigt über östlichen Gipfeln.
Im Singsang wiegen die Bambusschäfte.
Vom steinernen Brunnen kommt fernher Rauschen.
Am Berg der Vogel ruft jäh einen Schrei.
Ich lehne am Pfeiler, gelassen bis morgens.
Ganz still - was ist zu sagen.
Liu Tsung-yüen (773-819)


Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wandelnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Johann Wolfgang von Goethe


Blick in die Welt und lerne leben,
bedrängt Gemüt;
braucht nur ein Tauwind sich zu heben,
und alles blüht.

Die Hasel stäubt, am Weidenreise
glänzt seidener Glast,
Schneeglöckchen lenzt im halben Eise
und Seidelbast.

Braucht nur ein Tauwind sich zu heben. -
Verzagt Gemüt,
blick in die Welt und lerne leben:
Der Winter blüht!

Rudolf Alexander Schröder


Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort
und die Welt hebt an zu singen triffst du nur das
Zauberwort.

Josef von Eichendorff